Jon schreibt über: Prisoners

Der kanadische Regisseur Denis Villeneuve ist in Hollywood ein noch eher unbekanntes Gesicht. Die Tatsache jedoch, dass ihm sein im Jahr 2010 veröffentlichter Film Die Frau, die singt – Incendies (sein zweiter einigermaßen bekannter Film) bereits eine Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film einbrachte, lässt einige Filmfans schon genauer hinhören. Inciendens ist nämlich ein Film, der in einem ähnlichen Genre angesiedelt ist wie sein neuer Film Prisoners und handelt von der Recherche zweier Geschwister über die Vergangenheit der eigenen Mutter. Das Drama stieß sowohl in den USA, als auch auf europäischen Filmfestivals auf eine sehr positive Resonanz. Während in Incendiens noch eher unbekannte Fachmänner Kameraführung und Schnitt übernahmen, setzt Villeneuve in Prisoners auf Veteranen in diesem Gebiet. Das Zusammenspiel von Kameramann Roger Deakins (No Country for Old Men, A Beautiful Mind) und Cutter Joel Cox (er arbeitet seit den 70er Jahren mit Clint Eastwood zusammen) funktioniert wunderbar und es kommt eine bis zum Schluss anhaltende, beklemmende Atmosphäre auf, die an kammerspielartige Filme wie Zodiac erinnern.

Nach einem Thanksgiving-Essen der befreundeten Familien Dover und Birch verschwinden die kleinen Töchter plötzlich spurlos. Während eine Mutter (Maria Bello) in Resignation verfällt und auch die Eltern Birch (gespielt von Terrence Howard und Viola Davis) die Ermittlungen der Polizei überlassen wollen, sieht sich Keller Dover (Hugh Jackman) gezwungen Initiative zu ergreifen, um die Kinder auf eigene Faust zu suchen. Das geschieht zu Beginn noch in guter Kooperation mit dem von Jake Gyllenhaal (Brokeback Mountain, in Villeneuves nächsten Film „Enemy“ wird er neben Inglorious Basterds-Star Mélanie Laurent eine Doppelrolle übernehmen) gespielten Detective Loki, doch mit zunehmender Zeit erkennt Dover keine sichtbaren Ermittlungsfortschritte und nimmt sich den zurückgebliebenen Hauptverdächtigen Alex Jones (sehr überzeugend gespielt von Paul Dano) vor. Dies geht soweit, dass er diesen durch Folter zu einem Geständnis zwingen will, jedoch keinen Erfolg hat. In den laufenden Ermittlungen kommt dann ein zweiter Verdächtiger hinzu, der sich vor Loki auffällig verhält und das Spiel gegen die Zeit beginnt.

Prisoners startet nicht auffällig, mit einer kurzen Einführung der Charaktere, die wie so oft in einem idyllischen Dorf leben und baut einen Spannungsbogen um das auf einer Straße stehende Wohnmobil des Außenseiters Alex Jones, aus dem Geräusche zu vernehmen sind. Die Tatsache, dass Hugh Jackman zum selbsternannten Rächer mutiert schreckt sicher einige Filmkenner etwas ab, da man sofort an eine 96-Hours-Liam-Neeson-Revenge-Tour denkt. Doch zum Glück lenkt Villeneuve den Film in eine andere, Richtung und schafft mit einer durch die Bank überzeugenden Darstellerriege einen guten Grundstein für ein durchaus gut gelungenes Drama, das nicht vor harten Bildern zurückschreckt. Der Film baut auf einen überzeugend aufspielenden Hugh Jackman, der das emotionale Konstrukt des Dramas stützt. Auch bei den Psychopathen wurde auf altbewährte Schauspieler dieser Art (Eli aus There will be Blood und ein Geisteskranker aus The Dark Knight) zuückgegriffen, die einem mit ihrem teilweise autistischen Schauspiel, die Angst und den Schmerz der eigenen Gefangenheit ihrer Charaktere fast selbst spüren lassen. Doch Prisoners hat auch seine Schwächen, denn die Logik hinkt teilweise arg. Wie zum Beispiel als die Tochter der Familie Birch gegen Ende des Films plötzlich wieder auftaucht und keiner weiß, wie sich das kleine unschuldige Mädchen aus der Gefangenschaft der plötzlich stark gealterten Melissa Leo (Jahrgang 1960) befreien konnte. Auch die einigermaßen an den Haaren herbeigezogene Metapher mit der Labyrinth-Kette des zweiten Verdächtigen, die anscheinend die Verwirrtheit einiger Personen wiederspiegeln soll und die dann auch noch des Rätsels Lösung der Entführungsgeschichte sein soll, stört. Die Gewaltszenen, in denen Hirnmasse im Verhörzimmer verstreut wird oder ein von Hugh Jackman verprügelter Paul Dano plötzlich stark an Boris Becker erinnert, mögen hart sein, doch sie passen zur Grundstimmung des Films und unterstützen die Story in ihrer Intensität. Zu kritisieren ist dagegen leider noch das arg konstruierte Finale und die Auflösung, die zu sehr auf religiöses Geplänkel zurückgreifen und die dezent aufgebaute und emotionale Glaubwürdigkeit des Films leider etwas herunterschraubt. Es scheint fast eine Art Notlösung des Drehbuchs zu sein, dass die Entführungen nur aus Gotteshass zustande kamen. Keller Dovers Tochter kann am Schluss nämlich zwar gerettet werden, er selbst gerät aber in die Fänge der „Norma Bates“ Holly Jones, eben genannter Adoptivmutter des Hauptverdächtigen, die ihn in ein dunkles Loch steckt. In diesem wurden zuvor neben seiner Tochter auch viele andere Kinder eingesperrt, um Hollys Plan zu erfüllen, sich an Gott zu rächen, da dieser ihren Sohn an Krebs sterben ließ. Kellers Tod wäre meiner Meinung nach ein guter Schluss gewesen, doch er findet in dem Loch natürlich eine Trillerpfeife seiner Tochter und den Rest kann man sich ja denken…

Sehr positiv wirkte da noch die wilde Fahrt vom angeschossenen Detective Loki, der die sterbende Tochter von Keller Dover ins Krankenhaus zu bringen versucht. Die verwischte Optik und die grellen Lichter und Farben während der Fahrt erinnern durchaus an die gut gelungenen Bilder aus Roger Deakins Oscar-nominierter Kameraarbeit zu No Country for Old Men, in der Llewelyn Moss zum Beispiel torkelnd über die Grenze von Mexiko stolpert.

Ein durchaus gelungener Psycho-Thriller mit Krimi-Elementen, das mit guten Schauspielern und einer sehr ansprechenden Kameraarbeit eine extrem dichte und spannende Atmosphäre schafft. Seine logischen Lücken kann man Prisoners gerade noch verzeihen und deshalb gibt es von mir 7 von 10 mit roten Pfeifen um Aufmerksamkeit heischende Ex-Tennisprofis.

Originaltitel: Prisoners

Kinostart Deutschland: 10. Oktober 2013

Regie: Denis Villeneuve

Darsteller: Hugh Jackman, Jake Gyllenhaal, Viola Davis, Maria Bello

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