Archiv für den Monat November 2014

Jon schreibt über: Interstellar

Seit Inception bin ich skeptisch. Es ist klar, dass Nolans Markenzeichen das verblüffende Moment ist, aber man kann auch das übertreiben. Es war bei Inception nicht störend, dass man der Story nicht hätte folgen können (ein Filmtipp an dieser Stelle: Inland Empire von David Lynch), denn dem war nicht so, sondern die blanke Überzeichnung und das Vorgegaukle, dass der Zuschauer etwas Großartiges vollbracht hätte, wenn er noch am Ende den Überblick bewahrt hat. Es ist ganz und gar nichts Großartiges. Sein anfängliches Werk Memento und auch noch Prestige (mein Favorit) waren da noch anders, denn sie schufen wirklich Illusionen und verblüfften in ihrer Machart. Doch der nun aktuelle Film, Interstellar, erinnert mich leider nicht an letztere.

Die Erde stirbt und die Menschheit versucht, Alternativen zu finden, indem sie nach anderen Galaxien sucht, die vielleicht einen neuen Lebensraum bereithalten. Mithilfe von neuester Technik bricht man Richtung Saturn auf, um durch das bereitstehende Wurmloch in diese fremden Welten vorzustoßen. Es sind auf den relevanten Planeten bereits tapfere Astronauten verteilt und jetzt gilt es für Cooper (Matthew McConaughey), der seine Familie zurücklassen musste, Dr. Brand (Anne Hathaway) und Co., die richtige Welt auszuwählen.

Das Positive an Interstellar sind eindeutig die Schauspieler und die visuellen Effekte. McConaughey schafft Gänsehaut-Momente und auch der Rest (inklusive eines Überraschungsauftrittes eines Oscar-Preisträgers) überzeugen durch die Bank. Michael Cane ist seit Prestige in jedem Nolan-Streifen dabei und gibt hier trotz seines Alters einen authentischen Wissenschaftler, der an die Grenzen des biologischen Lebens stößt. Die einzige, die nicht dazu passt, ist Jessica Chastain. Sie spielt zwar die eingeschnappte Tochter glaubwürdig, doch einem so auf Hochglanz polierten Film bekommt ein derartiges Reibeisen wie Chastain nicht gut. Im Großen und Ganzen vermitteln die Schauspieler das, was Nolan bei diesem Film erreichen wollte: Emotionen und zwischenmenschliche Beziehungen.

Und die Effekte sind einfach grandios. Man kommt ab gut der Hälfte des Films aus dem symbolischen Staunen gar nicht mehr heraus und wenn Interstellar dann vorbei ist, kommt die reale Welt auf einmal seltsam plastisch daher. Es ist grandios, wie in diesem Film komplexe Theorien wie Zeitsprünge, schwarze Löcher und Wurmlöcher visualisiert wurden und man sich auf einmal im Ansatz vorstellen kann, wie unglaublich das sein muss, wenn die Zeit an einem vorbeirauscht. Auch diese Effekte werden von den Schauspielern toll unterstützt und man kann mit ihnen mitfühlen, wie sie der Grenzenlosigkeit des Alls ausgesetzt sind.

Nimmt man nun diese zwei Komponenten, so hat man nur die schillernde Haut eines Körpers. Was jedoch fehlt, ist das Innere, was einen Film erst gut macht: Die Story beziehungsweise der Plot. Und dieser überzeugt leider bei weitem nicht!

Der Zuschauer wird von Anfang an dazu gezwungen, über Dinge hinwegzusehen, die essentiell für die Glaubwürdigkeit des Films wären. Der Zuschauer wird von Anfang an geblendet. Und wirklich innovativ und neuartig ist die Story auch nicht, denn sie erinnert in vieler Hinsicht an 2001: Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick. Das muss nicht schlecht sein, sollte aber erwähnt werden. Der einzige menschliche Bösewicht (besagte Überraschung) ist extrem unnötig und nicht glaubwürdig, denn er erscheint geradezu lächerlich im Kontrast zu den Gefahren, welche die neuen Planeten aufweisen. Auch in absolut keinem Verhältnis stehen die Roboter, denen plötzlich Gefühle(!) entgegengebracht werden und als absolute Helden in den Kosmos eingehen. Diese Roboter sind dann auch die einzige Komponente, die für den Humor zuständig sind und die auch jeder massentaugliche Film braucht. Ja, richtig gelesen: Massentauglich! Interstellar ist kein schwerverdaulicher und schwerverständlicher Genrefilm, wie es Nolan gerne vorgeben würde. Interstellar ist ein massentauglicher Film, der sich als Genre-Film ausgibt und deshalb kommt der Film auch so gut an. Die Zuschauer werden plötzlich zu Kino-Insidern und sind stolz darauf, ein Stück „Filmgeschichte“ gesehen zu haben.

Die Story selbst hat auch große Lücken und ich rate denjenigen, die ihn schon gesehen haben, nicht weiter darüber nachzudenken, denn sonst wird der Film nachträglich immer schlechter. Das große Mysterium im schwarzen Loch zum Beispiel. Es gibt keinerlei Ansatzpunkte, warum sich gerade das dahinter befindet (ich verzichte hier auf Spoiler). Oder auch die völlig absurde Sache mit den Morse-Codes. Welche bahnbrechende Erkenntnis, bei der man außerdem nicht weiß wo McConaughey sie herbekam und was es genau ist, kann schon über einen Morse-Code übermittelt werden. Auch der chronologische Aspekt gibt Grund zu der Annahme, dass etwas nicht ganz stimmt. Da fällt einem nur noch ein, „Heureka“ zu schreien! Gut, man kann, wie Nolan selbst, jetzt sagen, dass es ja ein fiktives Werk ist und nicht alles logisch sein muss. Aber das ist Schwachsinn! Denn wenn man sich an so ein Projekt wagt, muss man dem auch gewachsen sein und vor allem auch der Kritik, die daraus entsteht.

Auch die grässliche Angewohnheit von Christopher Nolan, in jedem seiner Filme unbedingt Wissen vermitteln zu wollen, ist extrem nervig und in Interstellar merkt man dies bei dem Phänomen von Murphy’s Law (in diesem Fall kein Irish Pub). Außerdem wirkte alles viel zu konstruiert. Bei jedem Moment im Film, der nicht ganz verständlich war, konnte man sicher sein, dass Nolan ihn am Ende aufgreift und wieder einen wahnwitzigen Twist daraus macht. Mir war übrigens der sogenannte Twist von Anfang an klar. Man lernt eben aus Nolans Filmen und wenn man sie genau betrachtet, sind sie eigentlich berechenbar.

Insgesamt ein enttäuschender Film, der wieder belegt, welch ein Blender Christopher Nolan doch ist. Die Story gibt nicht viel her und verschenkt Potential, Schauspieler und Effekte sind jedoch toll. Ein Kräftefeld, das sich auf ein Unentschieden einigen muss und deshalb bekommt Interstellar 5,5 von 10 von Geisterhand gestreute Sandhaufen.

 

Originaltitel: Interstellar

Kinostart Deutschland: 06.11.2014

Regie: Christopher Nolan

Darsteller: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Michael Cane, Casey Affleck, John Lithgow, Topher Grace

Interstellar_trailer2

Schosch schreibt über: 5 Zimmer, Küche, Sarg – Absolut mieser deutscher Titel

Von den Machern von Flight of the Conchords, Boy und Eagle vs. Shark kommt einer der unterhaltsamsten und lustigsten Filme, die ich dieses Jahr gesehen sehen habe. What We do in the Shadows (englischer Titel) ist eine neuseeländische Mockumentary über Vampire, die in einer Wohngemeinschaft in Wellington zusammenleben.

Hier mal der deutsche Trailer (nicht davon abschrecken lassen!) und hier die ersten 6 Minuten des Films (auf Englisch).

Eine Mockumentary ist ein Filmgenre und die Bezeichnung für einen fiktionalen Dokumentarfilm, der einen echten Dokumentarfilm oder das ganze Genre parodiert. Dabei werden oft scheinbar reale Vorgänge inszeniert oder tatsächliche Dokumentarteile in einen fiktiven bzw. erfundenen Zusammenhang gestellt (Wikipedia FTW!).
Bekanntere Beispiele für diese Art von Film sind unter anderem die Filme Borat oder Mann beißt Hund.

In 5 Zimmer, Küche, Sarg geht es, wie schon oben erwähnt, um eine neuseeländische Wohngemeinschaft von Vampiren, die von einem Kamerateam durch ihren Alltag begleitet werden. Deacon (Jonathan Brugh), Viago (Taika Waititi), Vladislav (Jermaine Clement) und Peter (Nosferatu) sind die untoten Bewohner dieser nicht ganz so normalen WG. Eines Tages bekommen sie jedoch Zuwachs von dem kürzlich gebissenen Vampir Nick (Cori Gonzales-Macuer), der seinen neuen Mitbewohnern die Wunder der modernen Welt näherbringt.

5 Zimmer, Küche, Sarg parodiert mit gelungenen Witzen, die unglaublich gut durchdacht und mit viel Charme rüber gebracht werden, das Mockumentary- und Vampir-Genre, doch gegen Ende leidet der Film an leichten Abnutzungserscheinungen .
Alle Figuren werden gut und glaubhaft (soweit das geht bei Vampiren) dargestellt und auf Deutsch mit unglaublich miesen Synchronstimmen synchronisiert.
What We do in the Shadows nimmt gekonnt unter anderem Themen wie Blutsauger in der Moderne und Scripted-Reality-Zeug wie Jersey Shore auf’s Korn und schafft es mit vielen kleinen Details, dies in 90 Minuten sehr unterhaltsam zu erzählen.

Absolut sehenswert und wer mal wieder richtig lachen will, sollte sich unbedingt What We do in the Shadows (den schrecklichen deutschen Titel werde ich hier nicht nochmal nennen) anschauen. Geeignet für Jung und Alt und deswegen bekommt 5 Zimmer, Küche, Sarg (so schlimm!) 8 von 10 Liter Kunstblut aus der Halsschlagader meiner Opfer!

Und bitte versucht den Film in Original anzusehen, denn viele Witze funktionieren auf Deutsch nicht.

Originaltitel: What we do in the shadows
Erscheinungsjahr: 2014
Regie: Taika Waititi, Jermaine Clement
Darsteller: Jonathan Brugh,Taika Waititi,Jermaine Clement

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