Jon schreibt über: Jurassic World

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die in die Gegenwart geholte Jura-Zeit wieder auf die Kinoleinwände projiziert werden würde. Eine solche Marke wird nie aussterben, auch wenn Steven Spielberg nicht mehr persönlich auf dem Regie-Stuhl sitzt. Die Kuh bzw. der Triceratops wird gemolken, bis er nur noch ein trockenes Fossil ist. Wie sich bei Jurassic World herausstellte, gab der hörnertragende Saurier nach einer fast 14-jährigen Pause mehr Milch als je zuvor.

Die Story besticht weder durch Glaubwürdigkeit, überraschende Wendungen, bahnbrechende charakterliche Entwicklungen, ausschließlich sinnvolle Neben- und Offscreenstorys noch durch absolut nachvollziehbare Handlungsweisen der Dinosaurier: Anfänglich wird man – wie in den ersten drei Jurassic Park-Teilen auch – in den Schauplatz eingeführt, auf dem sich Mensch und Dino in den nächsten zwei Stunden in den Haaren und Krallen haben werden. Erst ein riesiger Wassersaurier, der einen weißen Hai (wahrscheinlich Spielbergs einzige selbst beigetragene Idee in diesem Film) zum Frühstück verspeist, dann ein Chris Pratt als Alpha-Tier unter lauter Velociraptoren und schließlich die gefahrvolle Ankündigung eines selbstgezüchteten Dinosauriers mit einem Namen, dessen Übersetzung nur mit dem großen Latinum möglich ist: Indominus Rex. Die Geschichte ist um eine Familie gesponnen, deren beide Söhne sich nun mit der allzu beschäftigten Tante in der Jurassic World befinden. Sie geraten völlig unerwartet in Gefahr, der Indominus Rex bricht völlig unerwartet aus und Chris Pratt inklusive der heißen Tante müssen die beiden völlig unerwartet retten – eine derartig erfrischende Storyline ist völlig neuartig im Kino des 21. Jahrhunderts.

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Nun ein etwas ernsterer Tonfall, denn die katastrophalen Mängel in Jurassic World sind alles andere als lustig. Der Film hinterlässt ein Trümmerfeld, das aus halb angefangenen zwischenmenschlichen Krisen und abstrusen, ebenfalls nicht zu Ende gedachten Szenen mit den Dinosauriern besteht. Am Ende ist alles egal, was beispielsweise und vor allem im ersten Jurassic Park von Bedeutung war und was man an der Reihe so schätzte. Das bisherige Monster schlechthin – der Tyrannosaurus Rex – bekommt eine Retterrolle auf den Leib geschrieben und die normalerweise so triebgesteuert handelnden Velociraptoren haben nun einen menschlichen Anführer. Der klägliche Versuch der Autoren innovativ zu sein, gipfelt in einer völligen Absurdität, die nicht einmal durch das oft so nützliche „Hirn-Ausschalten“ ausgeglichen werden kann.

Lässt man die so verquer handelnden Monster mal Monster sein, so bleiben mindestens noch die menschlichen Akteure. Diese wurden vom Regisseur aus dem Regal mit der Aufschrift „Figuren und Konstellationen, die in jedem Actionfilm vorkommen“ entnommen. Und es wurden alle Schubladen mitsamt dem darin liegenden Staub gründlichst ausgeräumt. Da haben wir zuerst den „Helden“ – in diese Fall Chris Pratt als Owen. Er macht noch die solideste Figur von allen und fällt vor allem durch seine beschwichtigenden Gesten auf. Fehlen nur noch Peitsche und Fedora. „Die Gespielin des Helden“ füllt die Rolle der Claire aus. Sie sieht gut aus, legt ein tussihaftes Verhalten an den Tag und ist schlecht gekleidet für ein Abenteuer. Raffinierter Weise haben die Autoren eine direkte Verbindung von ihr zu den „Opfern“ in Jurassic World hergestellt: die jugendlichen Neffen von Claire namens Zach und Gray. Der eine ein High-School-Schüler, was man sofort deutlich machen musste, indem man ihm eine Freundin gab, die er sehr vermisst, und ihn ständig anderen Mädchen hinterhergaffen ließ. Der andere ein kleiner Freak, der sich mit der Materie, von der Gefahr ausgeht (in diesem Fall die Urzeit-Tiere), bestens auskennt. Dann gibt es noch kleinere Rollen wie den klassischen Nerd, die Krieger, den Tollpatschigen, den Neuling, die frühen Todesfälle und viele mehr. Doch zwei essentielle gibt es noch: „Den Bösewicht“ und „Das Monster“. Letzteres ist, wie bereits beschrieben, der Indominus Rex – ein Wolpertinger mit Killerinstinkt. Der Bösewicht wird von einem overactenden Vincent D’Onofrio (Pvt. Paula aus Full Metal Jacket) dargestellt. Er erkennt die Gefahrenlage und will mitsamt einer Söldnertruppe – natürlich barttragende Veteranen aus Afghanistan – ein klassisches „Fight Fire with Fire“ veranstalten. Zu den Söldnern sollte noch ergänzt werden: Das komplette Waffenspektrum muss abgedeckt sein (auch die gegen großen Saurier sehr nützlichen kleinen Handfeuerwaffen), doch nur einer besitzt die Bazooka, deren Effektivität gegen die Urzeit-Monster man doch wohl im Vorfeld erahnen könnte. Auch rennen sie alle mit kugelsicheren Westen herum, denn am meisten Gefahr geht von dem T-Rex mit der G-36 aus.

Des Weiteren ist der Film gespickt mit Szenen, die man gar nicht richtig einordnen kann, weil sie so lachhaft sind: Zum Beispiel beginnt der überaus nervige Gray aus dem Nichts, eine Geschichte zu erzählen, laut der er aufgrund einer langen Google-Recherche nicht daran zweifelt, dass sich ihre Eltern scheiden lassen werden. Sein Bruder beruhigt ihn damit, dass er nun je zweimal Geburtstag und Weihnachten feiern kann und der Käse ist gegessen. Eine zweites Beispiel ist der überaus ambitionierte Tatendrang des Park-Besitzers (im Übrigen der Quoten-Inder), der sich selbst einen Running-Gag zuschustert, denn er kann nämlich den Hubschrauber fliegen (Filmkundige wissen Bescheid). Auch der völlig überdrehte Weinkrampf von Claires Schwester via Handy ist so konfus und surreal, dass es wirklich wehtut. Die Liste solcher Kuriositäten ist lang und man wünscht sich, die „Autoren“ wechseln so schnell wie möglich ihren Beruf, bevor noch andere Filme von derartigem Unfug verunstaltet werden.

Die Effekte sind gut und die Dinosaurier sehen echt aus (wobei, woher weiß man das schon?). Doch wo Geld ist, da stimmt auch meistens die Optik. Die permanente Konversation der Schauspieler mit der Green-Screen kauft man Chris Pratt noch am meisten ab.

Mir sind die überwiegend positiven Bewertungen in der Presse ein absolutes Rätsel, denn wer – im Gegensatz zum Regisseur – noch einigermaßen bei klarem Verstand ist, kann dem Film allerhöchstens noch abgewinnen, dass er statt drei nur zwei Stunden seiner Lebenszeit in Anspruch nimmt. Man kann nicht einmal sagen „etwas für Augen und Ohren“, denn bahnbrechend ist dieses 3D-Abenteuer bei weitem nicht. Bis auf ein paar Eastereggs ein lieblos hingerotztes Stück Action, das vermutlich durch ein Referat eines Filmstudenten inspiriert wurde. Weil ich Dinosaurier an sich cool finde, brüllen gnädige 2 von 10 Tyrannosauri Reges in der Jurassic World, die eigentlich in der Kreide World leben sollten.

Originaltitel: Jurassic World

Kinostart Deutschland: 11.06.2015

Regie: Colin Trevorrow

Darsteller: Chris Pratt, Bryce Dallas Howard, Omar Sy, Judy Greer

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