Jon schreibt über: American Sniper

Bradley Cooper hat den Aufstieg in Hollywoods oberste Liga geschafft. Man muss das anerkennen, wenn man bedenkt, dass sein wohl erster Hit die Las Vegas-Komödie Hangover war. Mittlerweile zweifelt jedoch keiner mehr an seinen schauspielerischen Leistungen – spätestens nach American Hustle und seinen Paraderollen in Kombination mit Jennifer Lawrence. Doch American Hustle soll nicht sein letzter, der westlichen Kultur angelehnter Streifen bleiben, denn Clint Eastwood hat ihn nun in seinem im Irak-Krieg spielenden Film American Sniper an Bord geholt. Der Film sollte im Deutschen übrigens Stolz der Nation heißen, was aber mittlerweile offensichtlich und glücklicherweise wieder zurückgenommen wurde, da vielleicht einige diesen Titel wohl doch als sehr problematisch angesehen hätten und er in Anlehnung an Inglorious Basterds (Frederik Zoller als Ami-tötender Nazi-Held) ein nicht gerade passender Name für ein ernstes Kriegsdrama gewesen wäre.

Der Film handelt von dem Navy Seal Chris Kyle, der während des Irak-Kriegs zum besten Sniper seiner Kompanie und somit auch zum Kriegshelden avanciert. Während seine Frau (Sienna Miller) zuhause mit seinem Sohn das besorgte Leben führt, begibt sich Kyle jeden Tag in Lebensgefahr, um seine Mitsoldaten zu beschützen. Er gerät immer tiefer in den Kriegssumpf und es fällt ihm zusehends immer schwerer, sich von den Erlebnissen im Irak seelisch abzugrenzen.

Aufgrund des unermesslichen Erfolges an den Kinokassen in den USA kann man vermuten, dass es sich hier um einen wirklich bewegenden und außerordentlich guten Anti-Kriegsfilm handelt, der die Massen berührt, so wie es einst Der Soldat James Ryan tat. Doch diese Emotionen bleiben in American Sniper auf der Strecke. Meines Erachtens findet hier kein Leidensprozess von Chris Kyle statt, denn die verhältnismäßig kurzen Ausschnitte aus seinem Leben in den USA bei seiner Frau fallen sehr gemäßigt und ruhig aus. Außer einigen Drinks in seiner Kneipe scheint sich Kyle alias Cooper keine großen Ausrutscher zu leisten. Besser und glaubwürdiger sind dagegen die Szenen, welche das Kriegsgeschehen zeigen. Es sind verstörende Aufnahmen und Situationen, welche durchaus dramatisch sein können und in einer Person Schaden anrichten können. So muss beispielsweise ein Kind erschossen werden, das offensichtlich eine Gefahr darstellt. Die Grundlage für eine innere Zermürbung wäre also geschaffen. Stattfinden tut sie jedoch nicht.

Es ist nun zwar billig, zu behaupten, dass Clint Eastwood hier eine politische Aussage trifft, aber diese These ist teilweise durchaus berechtigt. Es wird ihm bereits vorgeworfen, in diesem Film den Irak explizit mit dem Terror zu verknüpfen, wie es einst George W. Bush mit der Achse des Bösen getan hat. Clint Eastwood – ein bekennender Republikaner – macht das hier meiner Meinung nach zwar nicht, er grenzt sich jedoch auch nicht davon ab. Denn die verherrlichende Darstellung eines „Kriegs-Helden“, der massenweise (160 um genau zu sein) irakische Terroristen tötet, überwiegt im Film ganz klar gegenüber der Darstellung, wie Kyle darunter „leidet“. Es kommt auch so daher, als seien plötzlich alle Iraker der amerikanischen Armee feindlich gesinnt. Es besteht kein Bezug zum Volk, wie es zum Beispiel in The Hurt Locker der Fall war, sondern der Schwerpunkt liegt ganz klar auf dem Töten von Feinden. Wenn man sich nun das stereotypische Bild, das man von den Amerikanern hat, zu Gemüte führt, ist es eigentlich kein Wunder, dass die Kassen nur so klingeln. Die zunehmende Abneigung gegenüber den Demokraten bestätigt diese These – offensichtlich muss wieder etwas Gravierendes passieren, damit das Lüstern der Amerikaner nach Kriegstreiberei wieder milde gestimmt werden kann.

Schauspielerisch ist es grundsolide, was einem geboten wird. Da es nicht sehr viele tragende Figuren in dem Film gibt außer Chris Kyle, seiner Frau und einigen Soldaten, könnten diese sich sehr positiv in die Erinnerung brennen. Doch das tun sie nicht wirklich. Cooper spielt nämlich nur den coolen, kaltblütigen Killer, der ab und zu mal sein Gesicht verzieht und Miller eben seine verzweifelnde Ehefrau, wie man sie schon in 100 anderen Filmen gesehen hat. Klar, diese Art von Kyle, welche als typisch amerikanisch dargestellt wird, da Veteranen und ähnliche Kaliber nicht viel an sich heranlassen, ist authentisch. Doch einen Tick mehr Ausreizung der Empathie-Kompetenz des Publikums kann man bei einem groß betitelten Anti-Kriegsdrama schon erwarten.

Lässt man alle beschriebenen, durchaus auch sozialkritischen Gesichtspunkte außer Acht, ist American Sniper ein Film, der unterhält, aber auch etwas zu lang geraten ist. Den Stoff für eine Familien-Ära – so scheint der Film schematisch aufgebaut zu sein – hat Eastwoods Drama nicht. Er hat die kontrovers diskutierte Autobiographie von Chris Kyle (er prahlt übrigens schon im Titel mit seinen knapp 200 Tötungen) gut als Film umgesetzt, aber vielleicht die falschen Schwerpunkte für einen Anti-Kriegsfilm gesetzt. Bradley Cooper geht im Oscar-Rennen gegen Michael Keaton und Co. unter und wenn dieser Film die Trophäe für den Besten Film gewinnt, habe ich den Glauben an diese Verleihung verloren, welcher heuer aufgrund der Nominierung (und einigen anderen Gründen) sowieso schon angeschlagen ist.

American Sniper erfüllt bei weitem nicht, was er verspricht und scheint auf das amerikanische Publikum zugeschnitten zu sein, da dieses einen anderen, subjektiveren Zugang zu diesem Thema hat. Objektiv betrachtet ist er ein Kriegsfilm mit ordentlicher Aufmachung und einer verhältnismäßig geregelten Portion Patriotismus. Mit derselben im Ton vergreifenden Machart wie Eastwood schließe ich mit 4 von 10 selbstverherrlichenden Childshots.

 

Originaltitel: American Sniper

Kinostart Deutschland: 26.02.2015

Regie: Clint Eastwood

Darsteller: Bradley Cooper, Sienna Miller

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