Jon schreibt über: Interstellar

Seit Inception bin ich skeptisch. Es ist klar, dass Nolans Markenzeichen das verblüffende Moment ist, aber man kann auch das übertreiben. Es war bei Inception nicht störend, dass man der Story nicht hätte folgen können (ein Filmtipp an dieser Stelle: Inland Empire von David Lynch), denn dem war nicht so, sondern die blanke Überzeichnung und das Vorgegaukle, dass der Zuschauer etwas Großartiges vollbracht hätte, wenn er noch am Ende den Überblick bewahrt hat. Es ist ganz und gar nichts Großartiges. Sein anfängliches Werk Memento und auch noch Prestige (mein Favorit) waren da noch anders, denn sie schufen wirklich Illusionen und verblüfften in ihrer Machart. Doch der nun aktuelle Film, Interstellar, erinnert mich leider nicht an letztere.

Die Erde stirbt und die Menschheit versucht, Alternativen zu finden, indem sie nach anderen Galaxien sucht, die vielleicht einen neuen Lebensraum bereithalten. Mithilfe von neuester Technik bricht man Richtung Saturn auf, um durch das bereitstehende Wurmloch in diese fremden Welten vorzustoßen. Es sind auf den relevanten Planeten bereits tapfere Astronauten verteilt und jetzt gilt es für Cooper (Matthew McConaughey), der seine Familie zurücklassen musste, Dr. Brand (Anne Hathaway) und Co., die richtige Welt auszuwählen.

Das Positive an Interstellar sind eindeutig die Schauspieler und die visuellen Effekte. McConaughey schafft Gänsehaut-Momente und auch der Rest (inklusive eines Überraschungsauftrittes eines Oscar-Preisträgers) überzeugen durch die Bank. Michael Cane ist seit Prestige in jedem Nolan-Streifen dabei und gibt hier trotz seines Alters einen authentischen Wissenschaftler, der an die Grenzen des biologischen Lebens stößt. Die einzige, die nicht dazu passt, ist Jessica Chastain. Sie spielt zwar die eingeschnappte Tochter glaubwürdig, doch einem so auf Hochglanz polierten Film bekommt ein derartiges Reibeisen wie Chastain nicht gut. Im Großen und Ganzen vermitteln die Schauspieler das, was Nolan bei diesem Film erreichen wollte: Emotionen und zwischenmenschliche Beziehungen.

Und die Effekte sind einfach grandios. Man kommt ab gut der Hälfte des Films aus dem symbolischen Staunen gar nicht mehr heraus und wenn Interstellar dann vorbei ist, kommt die reale Welt auf einmal seltsam plastisch daher. Es ist grandios, wie in diesem Film komplexe Theorien wie Zeitsprünge, schwarze Löcher und Wurmlöcher visualisiert wurden und man sich auf einmal im Ansatz vorstellen kann, wie unglaublich das sein muss, wenn die Zeit an einem vorbeirauscht. Auch diese Effekte werden von den Schauspielern toll unterstützt und man kann mit ihnen mitfühlen, wie sie der Grenzenlosigkeit des Alls ausgesetzt sind.

Nimmt man nun diese zwei Komponenten, so hat man nur die schillernde Haut eines Körpers. Was jedoch fehlt, ist das Innere, was einen Film erst gut macht: Die Story beziehungsweise der Plot. Und dieser überzeugt leider bei weitem nicht!

Der Zuschauer wird von Anfang an dazu gezwungen, über Dinge hinwegzusehen, die essentiell für die Glaubwürdigkeit des Films wären. Der Zuschauer wird von Anfang an geblendet. Und wirklich innovativ und neuartig ist die Story auch nicht, denn sie erinnert in vieler Hinsicht an 2001: Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick. Das muss nicht schlecht sein, sollte aber erwähnt werden. Der einzige menschliche Bösewicht (besagte Überraschung) ist extrem unnötig und nicht glaubwürdig, denn er erscheint geradezu lächerlich im Kontrast zu den Gefahren, welche die neuen Planeten aufweisen. Auch in absolut keinem Verhältnis stehen die Roboter, denen plötzlich Gefühle(!) entgegengebracht werden und als absolute Helden in den Kosmos eingehen. Diese Roboter sind dann auch die einzige Komponente, die für den Humor zuständig sind und die auch jeder massentaugliche Film braucht. Ja, richtig gelesen: Massentauglich! Interstellar ist kein schwerverdaulicher und schwerverständlicher Genrefilm, wie es Nolan gerne vorgeben würde. Interstellar ist ein massentauglicher Film, der sich als Genre-Film ausgibt und deshalb kommt der Film auch so gut an. Die Zuschauer werden plötzlich zu Kino-Insidern und sind stolz darauf, ein Stück „Filmgeschichte“ gesehen zu haben.

Die Story selbst hat auch große Lücken und ich rate denjenigen, die ihn schon gesehen haben, nicht weiter darüber nachzudenken, denn sonst wird der Film nachträglich immer schlechter. Das große Mysterium im schwarzen Loch zum Beispiel. Es gibt keinerlei Ansatzpunkte, warum sich gerade das dahinter befindet (ich verzichte hier auf Spoiler). Oder auch die völlig absurde Sache mit den Morse-Codes. Welche bahnbrechende Erkenntnis, bei der man außerdem nicht weiß wo McConaughey sie herbekam und was es genau ist, kann schon über einen Morse-Code übermittelt werden. Auch der chronologische Aspekt gibt Grund zu der Annahme, dass etwas nicht ganz stimmt. Da fällt einem nur noch ein, „Heureka“ zu schreien! Gut, man kann, wie Nolan selbst, jetzt sagen, dass es ja ein fiktives Werk ist und nicht alles logisch sein muss. Aber das ist Schwachsinn! Denn wenn man sich an so ein Projekt wagt, muss man dem auch gewachsen sein und vor allem auch der Kritik, die daraus entsteht.

Auch die grässliche Angewohnheit von Christopher Nolan, in jedem seiner Filme unbedingt Wissen vermitteln zu wollen, ist extrem nervig und in Interstellar merkt man dies bei dem Phänomen von Murphy’s Law (in diesem Fall kein Irish Pub). Außerdem wirkte alles viel zu konstruiert. Bei jedem Moment im Film, der nicht ganz verständlich war, konnte man sicher sein, dass Nolan ihn am Ende aufgreift und wieder einen wahnwitzigen Twist daraus macht. Mir war übrigens der sogenannte Twist von Anfang an klar. Man lernt eben aus Nolans Filmen und wenn man sie genau betrachtet, sind sie eigentlich berechenbar.

Insgesamt ein enttäuschender Film, der wieder belegt, welch ein Blender Christopher Nolan doch ist. Die Story gibt nicht viel her und verschenkt Potential, Schauspieler und Effekte sind jedoch toll. Ein Kräftefeld, das sich auf ein Unentschieden einigen muss und deshalb bekommt Interstellar 5,5 von 10 von Geisterhand gestreute Sandhaufen.

 

Originaltitel: Interstellar

Kinostart Deutschland: 06.11.2014

Regie: Christopher Nolan

Darsteller: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Michael Cane, Casey Affleck, John Lithgow, Topher Grace

Interstellar_trailer2

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6 Gedanken zu „Jon schreibt über: Interstellar

  1. Nolanhater94

    Ändlich mal jemand ders auf den punkt bringt. Fiel zu abgehobener möchtegern interlektueler Schwachsinn. Absulut zurecht nur 5,5 Sandhaufen.

    Antwort
  2. Endurance

    Ich denke ein wenig anders über den Film: Für mich finde ich ihn mitsamt den Twists und den „Ungereimtheiten“ spannend und unterhaltend, was doch der eigentliche Grund ist, weshalb Filme gemacht werden, um zu unterhalten!
    Man könnte jeden einzelnen Film auseinanderpflücken und jeden einzelnen logischen Fehler suchen. Ich habe noch immer nicht verstanden, weshalb man so ein Drama über ein erstens nur fiktives Werk macht, weil einige Dinge nicht der Realität entsprechen – es heißt ja auch nicht „fiktives“ Werk, sondern „Alles-ist-so-wie-es-auch-in-der-Realität-wäre“ Werk… – und zweitens über ein Werk, das es versteht an den Richtigen Stellen Entspannung und Spannung zu erzeugen (kl. Spioler: z.B. Saturntransit und die Andockszene des Cameo-Stars). Ich glaube es liegt hauptsächlich daran, dass Nolan drauf steht und weil Nolan bisher immer gute bis sehr gute Filme – das finde ich persönlich auch bei Interstellar so, dazu am Ende – auf die Leinwand gezaubert hat, muss natürlich Interstellar der beste Film überhaupt werden, der alle Filme von ihm und anderen toppen muss. Aber ich finde er reiht sich problemlos zu Inception, Prestige und Memento.
    Desweiteren muss ich noch sagen, dass der Film nicht nur mit Bildern und Schauspielern überzeugt. Auch die Musik von Hans Zimmer hat mich umgehauen! Großes Lob!
    Zum Schluss bleibt noch zu sagen, dass ich den Film persönlich als meinen Lieblingsfilm ansehe. Bisher konnte kein Film, den ich davor und danach gesehen habe, Interstellar das Wasser reichen. Demnach von mir 10 von 10 kleinen gravitativen Sandhäufchen. (Natürlich mit verstecktem Morse-Code für die wichtigste Sache für das Überleben der Menschheit!)

    Und am Ende noch ein letztes Abschlusswort:
    Filme sind Kunst und Kunst liegt immer im Auge des Betrachters!

    Antwort
  3. Kinetoskopen Autor

    Es ist mir völlig bewusst, dass es sich hier um ein fiktives Werk handelt. Der Unterschied zu einer Fiktion, welche zum Beispiel in „Harry Potter“ zu finden ist, ist, dass Nolan auf eine Theorie des Astrophysikers Kip Thorne zurückgriff. Diese wird im Film in Ansätzen visuell dargestellt, jedoch nicht zu Ende gedacht.
    „Ungereimtheiten“ können meiner Meinung nach keineswegs der Spannung eines Filmes dienen. Nolan hat sich hier ein bisschen übernommen, setzt seinen Inception-Abwärtstrend fort und kann seinem Fluch, – wie du es schon beschreibst – seine Vorgänger immer toppen zu müssen, nicht entrinnen und versagt.
    Deine Theorie mit dem “Alles-ist-so-wie-es-auch-in-der-Realität-wäre”-Werk kann ich nicht nachvollziehen. Kann es sein, dass du dir hier selbst widersprichst?
    Bei der Musik muss ich dir natürlich zustimmen! Hans Zimmer setzt jedes einzelne Bild wunderbar durch seinen Soundtrack in Szene.

    Aber das ist natürlich meine eigene Einschätzung, da hast du absolut Recht.

    Ein Abschlusswort von mir: Wie kann denn bitte das Überleben der Menschheit durch einen Morse-Code vermittelt werden? Was sichert das Überleben der Menschheit? Das sind für mich essentiell wichtige Fragen, die der Film stellt, aber nicht wirklich auflöst.
    Können solche Ungereimtheiten der Spannung von Interstellar dienen?

    Antwort
    1. Endurance

      Ich glaube, dass Nolan dem Zuschauer viel Interpretationsfreiraum lassen möchte, sodass man sich selbst überlegen kann, wie viel Sinn oder wie viel Unterhaltung ohne Sinn in seinen Filmen steckt. Außerdem wird die Frage, ob derganze Film „Inception“ jetzt Traum oder Realität war, am Ende ebenso wenig beantwortet, wie deine Fragen zu „Interstellar“. Es sind einfach Informationen, die Nolan ganz bewusst weggelassen hat, um die Gedanken der Kinobesucher anzuregen und um sie zum Über-den-Film-Reden zu bewegen. Und ich glaube, dass das kaum ein Regisseur so gut schafft, wie Christopher Nolan. Aber wieder ist das nur meine Meinung und ich bin mit meinen 17 Jahren nicht allzu gut in der Welt der Filme bewandt. Und wie schonmal gesagt, finde ich den Film dennoch einer der besten der letzten Jahre.

      Liebe Grüße

      P.S: Ich habe keine Ahnung mehr, was ich mit meiner Theorie aussagen wollte. Sie klingt wirklich fehl am Platz.

      Antwort
      1. Kinetoskopen Autor

        Ich glaube keineswegs, dass Nolan hier Interpretationsspielraum lässt. Und wenn ein Film schon allein die Frage aufwirft, ob er auch ohne Sinn unterhalten kann, dann sind wirklich Defizite vorhanden, die nicht leicht kompensiert werden können. Aber das sei nun mal dahingestellt!
        Nolan hat auch, meiner Meinung nach, keine Informationen weggelassen, im Gegenteil: Er exerziert jede noch so unwichtige Information bis ins kleinste Detail durch, nur um sicher zu gehen, dass es auch der letzt Kinogänger versteht. Das einzige, was Christopher Nolan schafft, ist, dass sich der Zuschauer nach seinem Film sehr schlau fühlt.
        Das Ende von Inception ist einfach ein offenes Ende und jeder kann sich seinen Teil denken. Die Fragen, die sich jedoch bei Interstellar stellen, haben nichts mit einem offenen Ende zu tun. Sie sind anderer Natur: Wenn man solche Lücken beispielsweise in „Der Herr der Ringe“ überträgt, hätte man die Auflösung, dass der Eine Ring zerstört wurde, aber nicht gezeigt wird, wie er zerstört wurde. Interstellar zeigt, dass die Menschheit gerettet wurde, aber nicht genau, wie sie gerettet wurde.

        Es tut mir Leid, dass ich dir hier so stark widersprechen muss.
        Ich akzeptiere deine Meinung, kann sie aber nicht nachvollziehen!

        Beste Grüße

  4. Pingback: Hier gibt´s alle bisher veröffentlichten Kritiken | Kinetoskopen

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