Kathas Konter-Kritik zu Guardians of the Galaxy – Feel my Wrath!

Guardians of the Galaxy lag bei mir als „irgendein Marvel-Gedöns“ abgeheftet in meinem geistigen mit „Desinteresse“ beschrifteten Filmordner. Ähnlich wie The Avengers wanderte der Film fix in den „Möchte ich sehen“-Ordner, nachdem mir Bekannte von dessen Unterhaltungswert vorschwärmten. Vorweg: Die Comics habe ich nicht gelesen, genau wie viele andere Kinobesucher, die Guardians of the Galaxy auf imdb dennoch mit einer sehr guten Durchschnittswertung von 8,6 vergoldeten.

Wieder einmal fällt ein mächtiges Artefakt im Marvel-Universum in die Hände des Bösen. Eben dieses Böse wird in Guardians of the Galaxy repräsentiert von Ronan, einem blauhäutigen Alien mit Hammer, der den Planeten Xandar samt Bewohnern zerstören will. Hinter Ronan steht Thanos, der mächtigste Bösewicht im Marvel-Universum, der mit Maximal-Intelligenz, Zeitreisefertigkeit, übermenschlicher Kraft, Telepathie und Nahkampfausbildung ungefähr die Spezialkräfte aufweist, die ich in jungen Jahren gerne meinen Playmobil-Helden zugeschrieben habe. Zudem scheint Thanos ein echt entspannter Typ zu sein, denn er thront den ganzen Film über auf einem schwebendem Stuhl im Weltraum und guckt dümmlich, während Ronan beim Ausführen des Masterplans versagt. Aus Gründen, die nicht näher erläutert werden, treiben sich Thanos‘ Töchter Nebula und Gamora ebenfalls bei Ronan herum. Vielleicht haben sich beide gelangweilt, ihrem Vater beim bedeutungsschwangeren Sitzen im Weltraum zusehen zu müssen? Thanos jedenfalls beauftragt Ronan damit, die Infinity-Steine zu finden. Diese McGuffins sind gefährliche Waffen und verleihen große Macht. Außerdem gibt es sie in sechs modischen Trendfarben. Für diesen Film wichtig ist aber nur die lila Version.

So trägt es sich zu, dass Protagonist Peter Quill den Stein, eingeschlossen in eine Metallkugel, zu Beginn des Films findet. Vorher waren wir Zeuge, wie Quill als Hosenscheißer den Krebstod seiner Mutter miterlebt und Minuten später von einem Raumschiff entführt wird. Wieso? Vielleicht aus dem gleichen Grund, warum er innerhalb der zwischen Intro und erster Szene verstrichenen zwanzig Jahre nicht zur Erde zurückgekehrt ist: schwache Story(vorlage). Stattdessen hört er wehmütig mit seinem Walkman (er wurde 1988 entführt) eine Kassette mit Pop-Hits, die ihm seine Mutter geschenkt hat. Das „erklärt“ den unpassenden Soundtrack des Films, der Sci-Fi-Szenarien verbindet mit abgenudelten Radiohits aus den Siebzigern. Eigentlich ist die Musik natürlich dazu da, sich beim Publikum anzubiedern.

Quill soll die Kugel seinem Boss (und Entführer) Yondu bringen, entschließt sich aber, sie eigenmächtig zu verkaufen. Ronan schickt derweil die grünhäutige Gamora auf die Fersen von Quill. Die Adoptivtochter von Thanos und zur lebenden Waffe ausgebildete Stealth-Expertin scheitert (völlig überraschend) mit dem ausgeklügelten Plan, Quill anzusprechen, ihm die Kugel zu entreißen und dann wegzulaufen. Neben Gamoras Inkompetenz  lernen wir zwei weitere Helden kennen:  den Kopfgeldjäger-Waschbären und den Baum.

Aus einem unerfindlichen Grund werden alle vier in das „Hochsicherheitsgefängnis“ von Xandar geworfen. In diesem Edelkittchen gibt es weder eine Geschlechter-, noch eine Speziestrennung, die Gefangenen müssen nicht arbeiten und nachts finden romantische Gruppenkuschelsessions statt. Das Sicherheitssystem lässt mit etwa fünf ungepanzerten Wärtern, die auf Abruf zur Verfügung stehen, zu wünschen übrig, so steht dem Ausbruch nichts im Wege. Gerade noch rechtzeitig, denn Ronan möchte den Stein persönlich abholen, nachdem Gamora sich dazu entschieden hat, ihren Adoptivvater zu hintergehen. Und das, obwohl Thanos sie gefoltert, ihre Eltern ermordet und sie zu einer Super-Mörderin ausgebildet hat? Undank ist der Welten Lohn.

Im Knast liest das Team ihr fünftes und, so absurd es klingt, interessantestes Mitglied auf, den tätowierten Schläger Drax. Rasch finden die Guardians heraus, dass der Stein in der Kugel eine tödliche Waffe ist und wollen ihn auf Xandar in Sicherheit bringen. Eine gute Idee, verfügt der besagte Planet doch über keinerlei Waffen und hat bereits mit seinem Kuschelknast bewiesen, wie hoch die Sicherheitsstandards vor Ort sind. Zuvor entdeckt Quill seine romantischen Gefühle für Gamora, das Team freundschaftliche und gruppensuizidale Gefühle füreinander und Ronan den Stein, mit dem er sofort Richtung Xandar düst. Thanos quittiert die Meuterei seines Lakaien selig grinsend auf einem Stuhl irgendwo im Weltall.

Die Guardians verhindern eine Katastrophe, indem sie das riesige Raumschiff von Ronan in die Luft jagen und auf die Hauptstadt des Planeten krachen lassen. Keine Sorge, nichts passiert. Ronan steigt aus und beginnt mit seinem Monolog des Bösen©, wird dann von Quill abgelenkt und mit Hilfe des Steins gekillt. Alle sind glücklich, bis auf den Waschbär, denn sein Kumpel Baum wurde beim Aufprall zerfetzt. Aber keine Sorge, am Ende des Films ist er natürlich wieder da.

 Es ist schwierig, eine völlig originelle Geschichte zu erzählen. Und gerade bei Popcorn-Kino wie Guardians of the Galaxy wird das vom Publikum auch gar nicht gewünscht. Das ist nicht schlimm, klassische Helden-Storys machen durchaus Laune, wenn sie logisch daherkommen und nicht vollkommen auf etablierte Klischees setzen. Beide Kriterien kann Guardians of the Galaxy nicht erfüllen. Wieso krallt sich Thanos nicht selbst den Stein sondern beauftragt seinen inkompetenten Handlanger damit? Wieso kehrte Quill nie zur Erde zurück? Die Charakterisierung der Guardians erschöpft sich in einer Handvoll Ticks; bei fünf Protagonisten blieb wohl keine Zeit für mehr Einblick in deren Persönlichkeiten. Auch die Welt, in der das ganze Spektakel spielt, bleibt blass und austauschbar. Xandar ist ein grüneres Coruscant, die Mine im Weltall Los Angeles aus Blade Runner. Die Aliens sind bunte Menschen und ein paar Ratten. Politisch ist nichts los, außer der Feindschaft zwischen Xandar und Ronan.

 Hinzu kommt, dass Guardians of the Galaxy eine Comic-Verfilmung ist, und sich zumindest in den Grundzügen am Ursprungsmedium orientieren muss. Dieser Aspekt ist der Nagel zum Sarg der Guardians, denn ohne Comic-Vorwissen fehlen die Ankerpunkte der Geschichte. Durch Fragen und Nachlesen weiß ich nun, dass der Baum eigentlich durchaus intelligent ist, nur sein Sprachzentrum nicht richtig funktioniert. Die Genmanipulation, der Rocket seinen Waschbärenkörper verdankt, wird kurz erwähnt und nie wieder aufgegriffen. Und wieso scheinen Quills Pop-Schnulzen auf sämtliche Außerirdischen so eine Faszination auszuüben, haben die die Musik noch nicht erfunden? Das Schlimmste daran: Liest man die Handlung und Hintergründe nach, dann wird erst in vollem Ausmaße bewusst, wie bescheuert die ganze Geschichte eigentlich ist.

 Guardians of the Galaxy hat außerdem ein Problem mit dem Ton. Damit ist nicht der Sound gemeint, sondern die abrupten Stimmungswechsel, die viele Szenen auszeichnen. In einem Moment erklärt das Team in pathetisch-bemühten Statements die Freundschaft zueinander, untermalt von auf die Tränendrüsen hämmernder Schnulzmusik – dann lässt der Waschbär einen sarkastischen Spruch fallen und die Szene endet abrupt. Ganz zu schweigen vom Klimax des Films, der beim Zuschauer einerseits ein Bedrohungsszenario erzeugen möchte, dann aber die Stimmung mit Quill torpediert, der dem Bösewicht einen Tanzwettbewerb vorschlägt.  Diese Art Non-sequitur-Humor prägt fast die gesamte Laufzeit des Films, abgesehen von einer Handvoll tatsächlich amüsanter Dialoge. Da fehlt nur noch die Lachspur.

 Als Comic-Fan würde ich gerne guten Gewissens sagen, dass Guardians of the Galaxy ein toller Film ist. Schließlich würde das vielleicht mehr Menschen dazu animieren, Comics zu lesen, vielleicht würden noch mehr Personen erkennen, dass man auch in Bilderheften tolle Geschichten erzählen kann. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn dieser Film stellvertretend für Erzählungen in Comics steht, dann kann ich jedem, der das Medium als infantilen Blödsinn bezeichnet, nur voll beipflichten.

 Und abschließend, auch wenn das wohl für Empörung sorgen wird: Guardians of the Galaxy ähnelt den Transformers von Michael Bay: Der Film vermittelt keine Botschaft, er presst lediglich alibihaft und unglaubwürdig eine Freundschaftsthematik in eine wertlose Geschichte. Der Streifen ist ein glattgebügeltes, perfektes Marketingprodukt, dem natürlich weder unnötige 3D-Effekte noch unecht aussehende CGI-Kreaturen und –Umgebungen fehlen. Die Internet-affinen jüngeren Zuschauer erfreuen sich an dem extra für sie geschriebenen „lol random“-Humor, der einem oft im Netz begegnet. Die älteren Zuschauer verbinden mit den Pop-Hits Nostalgie-Gefühle. Comic-Fans ergötzen sich an den eingestreuten Referenzen an die Vorlage. Keine Szene, kein Track und keine geschriebene Dialogzeile hat einen natürlichen Ursprung, entwächst aus Handlung oder Charakteren, sondern ist ein genau berechneter Schachzug zur Maximierung des Massenpublikum-Appeals. In diesem Sinne ein Lob an die fleißige Marktforschungsabteilung bei Marvel – der Plan ist perfekt aufgegangen.

Charaktere:

Peter Quill: Mensch, Kumpeltyp, Han Solo , sarkastisch,

Gamora: Grüne Alien-Frau, Meister-Assassine, Adoptivtochter von Thanos, sarkastisch

Rocket Raccoon: Waschbär, gewaltbereit, sarkastisch

Groot: Baum, Deus ex Machina, Chewbacca, scheint geistig minderbemittelt

Drax: Blauer Muskel-Alien, versteht Metaphern nicht

Ronan: Blauer Alien, böse, will Planeten zerstören

Thanos: Supermächtig, superschlau ( jedoch nicht superattraktiv), böse. Sitzt auf einem Stuhl im Weltall.

Yondu: Blauer Alien, hat Quill als Kind entführt, besitzt lächerlichste Waffe des Films

Nebula: Blaue Alien-Frau, böse, Adoptivtochter von Thanos, im Film völlig überflüssig, muss aber auftauchen, weil sie später wichtig wird

Quills Mutter: stirbt an Krebs, um die Emotionen des Publikums zu manipulieren

Alienrassen: Schweinchenrosa Menschen, blaue Menschen, grüne Menschen, gelbe Menschen, normale Menschen, auf Stuhl sitzender Oberböser, John C. Reilly

Anmerkung: Ich habe den Film im englischen Originalton gesehen.

 Katharina Reuß

kathaguardians

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